Spannende Fakten zur Vor- und Frühgeschichte unserer Region

Großer Andrang und gespannte Aufmerksamkeit: Der Vortragsabend des Heimat- und Kulturvereins Großrinderfeld stieß auf sehr großes Interesse. Dr. René Wollenweber vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart blickte in die Vor- und Frühgeschichte des tauberfränkischen Raums. Der Fachmann ist zuständig für lineare Projekte, wie zum Beispiel die Stromkabeltrasse SuedLink. Bei ihrem Bau stieß man im Vorfeld auf sehr spannende Zeugnisse einer jahrtausendealten Geschichte.

Im Mittelpunkt des Vortrags, der rund 150 Besucherinnen und Besucher in die Gerchsheimer Festhalle lockte – teils sogar aus dem Aschaffenburger Raum – standen die archäologischen Ausgrabungen. Ob Mammut, Erdbestattungen oder die Gerchsheimer Kreisgrabenanlage: Wollenweber gab dem aufmerksam zuhörenden Publikum einen Überblick über Fundstellen und deren Einordnung in den zeitlichen Kontext. In seiner Präsentation zeigte er viele Fotos der Funde und der Grabungsstellen.

Für die Denkmalpflege bedeutet dies, frühzeitig in die Planung eingebunden zu sein, um archäologische Kulturdenkmale zu erkennen, zu dokumentieren und – soweit möglich – vor ihrer Zerstörung zu bewahren. „Rettungsarchäologie“ nennt der Fachmann das, macht aber gleichzeitig deutlich: „Ohne die Trasse hätten wir das alles nicht entdeckt.“ Um Bodendenkmäler wissenschaftlich auszuwerten, seien im Rahmen der SuedLink-Arbeiten viele Archäologen vor Ort, lobte Wollenweber den Vorhabenträger des SuedLink, Transnet BW.

34 kleine und 21 Großgrabungen wurden unternommen, zehntausende Funde gesammelt und rund drei Millionen Quadratmeter Fläche untersucht: Die Zahlen, die der Fachmann vorstellte, waren mehr als beeindruckend und eine „Größenordnung, wie sie in der Landesarchäologie nur selten erreicht“ werde. „Alles, was kulturhistorisch von Bedeutung ist, wurde geborgen.“

Einer dieser Sensationsfunde ist ein Mammut, das bei Lauda entdeckt worden war. In der Nähe eines spätbronzezeitlichen Gräberfeldes mit zahlreichen Artefakten lagen Knochen, der mächtige Unterkiefer und der Stoßzahn des Tieres. Vor rund 20.000 Jahren starb es. Dank außergewöhnlicher geologischer und sedimentärer Bedingungen konnten diese Relikte der Eiszeit erhalten bleiben, wenn auch teils in einem fragmentiertem Zustand. Hinweise auf eine menschliche Jagd ließen sich jedoch nicht nachweisen, machte Dr. Wollenweber deutlich. Dafür würde aber das Sediment weiter untersucht, um mehr über die Region zu dieser Zeit zu erfahren. Teile des Mammutskeletts aus Lauda sind noch bis zum 11. Januar in der Ausstellung „Elefanten, Wildtiere und Kulturikonen“ im Residenzschloss Mergentheim der Öffentlichkeit zugänglich.

Fruchtbare Lössböden, ein mildes Klima und sanfte Hanglagen machten diese Regionen bereits seit der Steinzeit attraktiv. Entsprechend hoch ist die Dichte archäologischer Fundstellen. Dort kamen auf engem Raum Zeugnisse aus ganz unterschiedlichen Epochen ans Licht: spätbronzezeitliche Gräberfelder (um 1200 v. Chr.), schnurkeramische Bestattungen (um 2700 v. Chr.) sowie Siedlungsspuren der Linearbandkeramik (um 5300 v. Chr.), der ersten bäuerlichen Kultur Mitteleuropas, oder auch eine Bronzenadel um 1200 v. Chr.

Ausführlich ging Dr. Wollenweber auf die Kultur der Linearbandkeramik ein. Charakteristische Keramikverzierungen ermöglichen eine genaue zeitliche Einordnung früher Siedlungen. Rekonstruierte Hausgrundrisse zeigen bis zu 40 bis 50 Meter lange Langhäuser, die vermutlich von Großfamilien bewohnt wurden, die zugleich wirtschaftliche Einheiten bildeten. Veränderungen in der Bauweise, etwa bei der Dachkonstruktion, lassen sich mit Umweltveränderungen und zunehmender Ressourcenknappheit erklären und geben zugleich Einblicke in soziale und kulturelle Wandlungsprozesse.

Dr. Wollenweber zeigt an einer Beispiel-Rekonstruktion, wie eine Kreisgabenanlage aussehen könnten. Eine solche fand sich auch bei Gerchsheim. (Foto: Rainer Gerhards)

Gesiedelt wurde beim heutigen Gerchsheim bereits vor 7000 Jahren, wie durch die außergewöhnliche Kreisgrabenanlage deutlich wird. Sie datiert auf etwa 4900 v. Chr., wird der Großgartacher Kultur zugeschrieben und gilt als die westlichste Anlage dieser Art. „Es war eine Sensation“, so der Referent, denn vergleichbare Anlagen seien vor allem aus Mittel- und Osteuropa bekannt. Ihre Funktion ist bis heute nicht eindeutig geklärt; diskutiert werden kultische, rituelle oder soziale Bedeutungen. Vergleiche mit Fundplätzen wie Herxheim, wo aufgrund zahlreicher Knochenfunde eine Deutung zu rituellen Handlungen erfolgt, seien schwierig. Knochenfunde habe es in Gerchsheim nicht gegeben. Man habe aber mit der nichtinvasiven Methode der Geomagnetik weitere Untersuchungen vor.

Spannend waren auch die gefundenen Gräber, die um 2700 v. Chr. datieren. Dies belegt, dass die schnurkeramische Kultur im Taubertal früher vertreten war als bislang angenommen. Typisch seien weit auseinander liegenden Einzelbestattungen in Hockerlage, deutliche Unterschiede bei Grabbeigaben nach Alter und Geschlecht sowie weit verstreute Bestattungen, die Gräberfelder bilden. Auch Kinderbestattungen habe man nachgewiesen, was zeige, dass Kindheit bereits damals eine soziale Bedeutung hatte.

Dass Großprojekte die einmalige Chance zu solchen blitzlichtartigen und ausschnitthaften Einblicken in die regionale Geschichte bieten, wurde den Zuhörern beim Vortrag deutlich. Bei der anschließenden Fragerunde wurde auch diskutiert, wie die Gerchsheimer Kreisgrabenanlage oberirdisch für Besucher sichtbar gestaltet werden kann.

HKV-Vorsitzender Dr. Jürgen Gernert dankte dem Referenten für den umfangreichen Vortrag und die Einordnung der Artefakte. Der lange Applaus zeigte, dass der Vortrag beim Publikum auf großes Interesse gestoßen war.

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